Events 2006

Uraufführung der DVD im Maag Areal Zürich

flyer

Lieber Gott, nimm dich in Acht!

22 Videopoems

von Pil Crauer und Stefan Hänni


zur Entstehung

In den Jahren 2002 bis 2006 schuf der Künstler Stefan Hänni, alias blueyashica, Videos zu Texten des Schriftstellers Pil Crauer. Bei den Texten handelt es sich grössten Teils um Gedichte, einer, ein Kindervers, stammt aus dem Drehbuch zum Irniger-Film. Zwei Texte fand Hänni in Crauers Radiosendungen. Das "Lachverbot" entstand speziell für das Video (siehe unten).

Den beiden Künstlern war von Anfang an klar, dass Hänni nicht Texte illustrieren sollte. Hännis Part ist die eigenständige Kreation von Bildern zu den Themen der Texte. Eine zusätzliche Herausforderung bestand für Hänni darin, trotz seiner eigenen inhaltlichen Sicht, das Video mit den Rhythmen der Gedichte zu vereinen.

Für den Videokünstler bestand also die Möglichkeit, durch das Kombinieren von Gedichten mit Videosequenzen Inhalt und Aussage der bestehenden Texte zu intensivieren oder sogar deren Aussage neu zu definieren.

Ein Teil der Gedichte hat surrealen Charakter. Dem Betrachter der video-poems drängt sich da die Frage auf, was Logik überhaupt ist. Andere Textvorlagen sind, oder scheinen, eindeutig und direkt. Sie lullen durch ihre Wiederholungen wie ein Rosenkranzgebet ein, bis ein unerwartetes Wort den angebotenen Trancezustand in sich zusammenbrechen lässt. (Vergleiche Besprechung Henriette Placides von Brentano, siehe unten)

Die Videos nehmen jeweils die Inhalte der Texte auf, interpretieren sie neu und regen durch ihre freie Umsetzung Zuhörer und Betrachter dazu an, ihrerseits ihre Freiheit zu eigener Interpretation wahrzunehmen. Das Festhalten der Gedichte auf einer DVD soll die Grundlage zu individueller Betrachtung, Inspiration und eigenständiger Interpretation bieten.

Filmvorschau


DVD-Taufe

Die Video - Poem DVD wird am 7. April im Maag-Areal in Zürich festlich uraufgeführt.

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Das Maag-Areal ist zur Zeit der prestigeträchtigste Kulturbezirk Zürichs. Aber die Diskussion nach der Uraufführung fand in den alten Ateliers des einst weltberühmten Industriebetriebs statt, die heute wieder von jungen Firmen genutzt werden. Dario Fo lässt grüssen.

Dem Anliegen des gemeinsamen UND des individuellen Betrachtens, Geniessens und Interpretierens möchte auch dieser öffentliche Anlasses gerecht werden.

Die DVD wird daher einerseits als Ganzes präsentiert.

Anderseits werden in mehreren Räumen und Nischen Monitoren eingerichtet, auf denen der Besucher die Video-Poems individuell und in aller Ruhe nochmals betrachten kann.

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Pil Crauer im Gespräch mit (von links) Urs Haller, Bruno Fäh, Toningenieur und Inhaber des tau-av Studios, Stans, Dr. Marita Haller-Dirr

Mitwirkende

Die meisten Texte werden von bekannten Schauspielerinnen und Schauspielern vorgetragen. Unter ihnen Michael Schacht, Oliver Stein, Silvia Jost, Sylvia Planzer, Marcel Metten und Daniele Fior, Rom, für die italienischen Uebersetzungen von Diego Malcangi. Um den intimen, persönlichen Charakter zu unterstreichen, war Crauer bereit, zwei Texte selber zu lesen. Der Palagius-Rap wurde zudem mit Oliver Stein als Film aufgezeichnet.

Pil Crauer
Stefan Hänni
Lukas Erni
Daniele Fior
Diego Malcangi
Marcel Metten
Oliver Stein
Daniel Anton

Romuald Pacaly
 

Technik

Die Videosequenzen sind bewegte Bildercollagen, die einerseits aus Fernsehbildern (Founded Footages) bestehen, und anderseits sich aus gedrehten Videoaufnahmen zusammensetzen.

Durch die Nutzung des Studios Radio DRS, Bern, und die Mitwirkung des Tonstudios tau-av in Stans, stand auch für die Tonaufzeichnung ein professionelles Umfeld zur Verfügung.

Die Audio-Postproduktion wurde in den meisten Fällen von Lukas Erni vorgenommen.


Inhalt der DVD

A) 16 Tracks von ca. 38 Minuten

Du wirst gebraucht 1:00
Heute ist der Ozean 1:08
L’Automne aux Ardennes 0:25
Räuber Huckepack 0:30
Der Zimmermann 0:20
Ernos Erotos 1:38
Pelagius Rap 6:18
Moritat 2:00


TRILOGIE
Completorium (Jugo Vesper)
5:25
Requiem 0:56
Nocturn, (Oh, Schwarze Blume) 1:30
Cevapcici 0:44
Gutachten 1:03
Lieber Gott nimm dich in Acht 3:41
Das Lachverbot 4:00
Wetterprognosen 7:03


B) 4 Tracks zur Italienischen Uebersetzung von Diego Malcangi


Oggi l`oceano 1:08
Tornano i bigotti 0:30
Requiem 0:56
Moritat 2:00

C) Bonusmaterial mit den Lebensläufen und Werkverzeichnissen der Autoren und der mitwirkenden Personen. Weiter Informationen zu Videos und Texten.


PIL CRAUER

Die Frommen, sie kommen

allen Ayatollanten, Papisten, Hindukraten und Sektanten gewidmet


In Deinem Namen,
alles in Deinem Namen.
Alles geschieht in Deinem Namen.
Lieber Gott, nimm Dich in acht,
sie tun alles in Deinem Namen,
aï, aï, in Deinem Namen, amen.

Lieber Gott, nimm Dich in acht,
die Frommen, sie kommen.
Sie tun alles in Deinem Namen,
in Deinem Namen, amen.

Sie nehmen ihren Hass
für Gottes Gebot.

ihre Launen
für Gottes Wort, aï, aï, aï.

Ihre Falschheit
für Gottes Strategie

Die zügellose Verleumdung
für Gottes Zorn, aï, aï, aï.

Ihre Boshaftigkeit
für Gottes Willen.

Ihre Untreue
für plötzliche Erleuchtung, aï, aï.

Ihre bösen Taten
für Gottes Strafe, aï, aï, aï, aï.

Lieber Gott, nimm Dich in acht,
die Frommen, sie kommen.

Alles, was sie tun,
sie tun's in Deinem Namen,
aï, aï, aï, aï,
in Deinem Namen, amen.

Ach, lieber Gott, nimm Dich in acht
und die Menschheit unter Deinen Schutz.
Sie tun alles in Deinem Namen,
in Deinem Namen, amen.

Lieber Gott, nimm Dich in acht,
aï, aï, aï, die Frommen, sie kommen.

Alle Rechte vorbehalten
Pil Crauer 5. Okt.71&92



„Lieber Gott, nimm dich in Acht, die Frommen, sie kommen!“

ist in seiner Urform 1971 entstanden und zeigt eines der Hauptprobleme Probleme von Crauers Schaffen.

Inmitten des libertinären Aufbruchs und der Erfolge der antiautoritären 68-er Bewegung, erntete Crauer mit dem Text nur Kopfschütteln und Trivial-Psychologismen, die seine in diesem Text enthaltene Vision als katholisches Jugendtrauma abtaten und ihr keinerlei Realitätswert beimassen.

Crauer seinerseits verstand nicht, warum man die allgemeine Formel „Frommen“ auf irgendeine der Religionen beschränkte und die nach seiner Ansicht klar vorgezeichnete Entwicklung nicht kommen sah.

Seinem zweiten Versuch im Jahre 1992 den Text zu veröffentlichen, war nicht mehr Erfolg beschieden. Dies, obwohl zu der Zeit schon deutliche Anzeichen gab wie etwa die öffentlich bekannten Programmplanungen der Fernsehanstalten, an denen man Trends ablesen konnte. Wie zuvor im Iran des auslaufenden Schah-Regimes, kamen Serien zum Zug, die Kleriker, Nonnen und andere fromme Funktionäre in sympathischstem Licht und als einzige engagierte und intelligente Freunde der Jungen und der Benachteiligten darstellten. Oder, in leitende Funktionen und Schlüsselpositionen wurden immer öfters -in gewissen Organisationen gar systematisch- Rechtskonservative installiert.

Dass seine 68-er Altersgenossen gerne glauben wollen, dass sie epochale Veränderungen von ewiger Dauer geschaffen hätten (Crauer glaubt nicht, dass die derzeitigen Entwicklungen in die Jahre vor 1968 zurückführt, sie zielt nach seiner Meinung auf eine Rückkehr zu den Ideen vor Renaissance und Aufklärung), kann Crauer noch halbwegs verstehen. Für bedenklich hält er, dass die Jungen meinen, durch Ignorieren oder nicht Mitmachen der Machtgier und der Einflussnahme der „Frommen“ auf ihr Leben entgehen zu können.

Crauer sieht in seinen in seinen Analysen, nicht mal Vorhersagen, noch weniger Prophezeiungen, für ihn handelt es sich um ein seriöses, trotzdem lustvolles, Betrachten der Ereignisse und deren zwangsläufige Weiterentwicklung in den Mechanismen des Alltags. Es ärgert ihn heute nicht einmal mehr, wenn man seine Analysen leichthin oder faul als Jugendtraumatas oder Phantasien abtut. Er betrachtet seine Verknüpfungen von nur scheinbar solitären Ereignissen mit der Weltmechanik als intellektuelles Vergnügen. Es sei nur schlecht für das Bankkonto, dass sie für die Blinden und Aengstlichen zwanzig oder dreissig Jahre zu früh kämen, meint er.

Aergerlich wird er nur, wenn die Gleichen, die seine frühzeitigen Analysen kichernd abtaten, dann eilig zum Hörer greifen, wenn diese für jedermann sichtbar banale Realität geworden sind, und ihm eifrig eine Gelegenheit anbieten wollen, seinen eigenen Voraussagen hinterher zu schreiben. Da kann sogar mein Not leidendes Bankkonto drauf verzichten, sagt er.

J.U. Moonen


Anti-Lach-Gesetz

Die Regierung hat die gesetzlichen und technischen Voraussetzungen für die Inkraftsetzung des öffentlichen Lachverbotes geschaffen. So kann Lachen in der Öffentlichkeit schon vom nächsten Mai an bestraft werden.

Besondere Sorgfalt widmete die Behörde dem Toleranzartikel. In Städten von über 30'000 Einwohnern werden in der Kernzone mindestens alle 745 Meter Kabinen aufgestellt, in welchen das Lachen im äussersten Notfall weiterhin gestattet ist. In kleineren Dörfern ist wenigstens eine Kabine garantiert. Das Monopol für Fabrikation, Aufstellung und Betrieb will die Regierung der der Tabakindustrie geben. Damit soll ein Teil der dort verlorenen Stellen wieder belebt werden.

Die Kabinen basieren auf den seit 30 Jahren bewährten selbstreinigenden Einzelblocktoiletten. Neu ist die perfekte Schallisolierung, die jede Belästigung der gesetzestreuen Anwohnerschaft durch Lachen oder Verführung zu passivem Lachen verhindern soll. Bau und Betrieb sind weit kostengünstiger als bei der Toilettenversion, weil Reinigung und Schmutzwasser-ableitung entfallen, da die menschlichen Absonderungen hier vor allem akustischer Natur sind.

Aufstellung und Betrieb der Kabinen sind kostenmässig selbstragend, da deren Benützung obligatorisch ist und etwa fünf Euro kosten wird (plus zwei Euro Moralmehrwertsteuer, die zweckgebunden in zukünftige Volkserziehungsmassnahmen reinvestiert werden sollen).

Aber nur schmerzhafte Bussen können den überführten Tätern, die trotz des zur Verfügung gestellten straffreien Raums in den Kabinen, in der Oeffentlichkeit lachen, das Schmutzige und die besondere Verwerflichkeit ihres Tuns vor Augen führen.

Der Regierungschef teilte der Presse mit, dass auch ALISS, das akustische Lacher-Identifizierungs- und Strafsystem, Serienreife erreicht hat und zeitgleich an allen strategischen Orten montiert werden könnte. Man hat sich aber entschieden, damit zuzuwarten bis die neueste Version, nämlich das OLISS, das optische Lacher-Identifizierungs-und-Straf-System, landesweit montiert werden kann. Dieses verhilft nicht nur der Gerechtigkeit zum Durchbruch, indem es auch die stillen Grinser und heimlichen Schmunzler, die keine Töne von sich geben, erfasst und der gerechten Strafe zuführt. OLISS kann viel mehr! Es vermag selbstständig den Schweregrad der Lachvergehen zu unterscheiden und zu bewerten, dank des Chips unter der Haut jedes Bürgers dessen Identität zu erfassen und -verbunden mit der Datei des Einwohneramtes und angeschlossen an Drucker und Versendeautomaten- die Bussen vollautomatisch zu versenden.

Damit nicht genug: OLISS macht nicht nur eine spezielle Bussenverfügungsabteilung überflüssig, sondern auch die ursprünglich als notwendig erachtete Lachpolizei. So wird die Durchsetzung der Antilach-Gesetzgebung nicht nur selbsttragend, sondern für unser Gemeinwesen hoch lukrativ. Erst recht, wenn dann auch noch die DGT, die Dirty Grinser Tax, zum Tragen kommt. Diese spezielle Bestrafung der gemeinen Schmunzler und Grinser kann aber erst eingeführt werden, wenn an OLISS einige Vervollkommnungen angebracht sind und das Oberste Gericht überzeugt werden kann, dass die Kameras und die neue Software zum Beispiel „dämonisches“ und „brutales“ Grinsen eindeutig und rechtswirksam unterscheiden können.

Hoffen wir, dass die Mühlen des Obersten Gerichts nicht zu langsam mahlen und es der

Verwaltung endlich möglich wird, ihre Bürger auch auf diesem Gebiet gwinnbringend zu bewirtschaften.




Henriette Placides von Brentano über die Lyrik von Pil Crauer

Vorwort zu Pil Crauers Buch „liriche e poesie plurilingue europee“, bei Fiore Nero, Milano

Sehen muss man die Lyrik von Pil Crauer, wenn Adolf Laimböck vom Deutschen Nationaltheater als der ins Unermessliche wachsende Prophet mit Drohung und Blitz Hass herbeizwingen will, beide aber am machtlosen Jungen abprallen und den Propheten selber verbrennen. Das war meine erste Begegnung mit Crauers Lyrik bei der Eröffnung des Mannheimer Kultursommers.

Oder hören muss man sie, wenn Michael Schacht in der Kirche des Kapuzinerklosters Stans den Propheten gibt und am Schluss all seine Superbe verliert bei dem einen Satz, den Marcel Metten als naiver Jedermanns-Junge von sich gibt.

Ueberhaupt ist es eine Erfahrung, die man mit vielen Gedichten Crauers macht: sie lullen ein, wie ein Rosenkranzgebet, wie die Incantation von Koranversen, wie das Uhrwerk eines gregorianischen Chorals, und wenn man versucht ist, zu den Wiederholungen den Oberkörper zu wiegen, kommt plötzlich das eine Wort, das im Kopf explodiert.

Oder dieser erratische Block des Pelagius-Rap, dieses Einmanndrama für einen Macho zwischen Aggressivität, LederundKettenfassade und immer mehr überhandnehmenden Selbstzweifeln. Da sollte sich nur ein begnadeter Schauspieler dranmachen. Dem möchte ich zuschauen.

Nur lesen, ohne sie zu sehen oder wenigstens zu hören, sollte man die Gedichte Crauers nicht, weder im Original, noch in der kongenialen Uebersetzung des jungen Diego Malcangi. Ausser die die Logik mit Logik meuchelnde „Maus im Haus“ oder das wunderbare „Requiem“

Henriette Placides von Brentano, Montevideo